Monat: November 2016
Jetztbaum
Von den Kirschbäumen der Kindheit
zu schweigen
Linde
mein Jetztbaum
wie sie mir ins Zimmer wächst
mich umgarnt im Frühling
umhegt im Sommer
umweht im Herbst
gerade jetzt
mit Schnee
Zauberin
Schönste der Straße
standhaft
© Sargantanasal
Mein „leider zu wenig Zeit. Das will ich noch mal anders angehen“-Gedicht no. 8 für den #frapalymo, und der impuls lautete „ich habe geträumt, ein baum wuchs ins zimmer. jetzt vermisse ich ihn.“ Nach einem Tweet von ina steg aka @tschabuhjahhh
Scharfer Rand
Schneide dich nicht, Kind!
der Rand ist so scharf
aber die Dose so schön
schneide dich nicht
der Rand ist so scharf
470 g Abtropfgewicht
so viel Blut
passt in eine Konservendose
©Sargantanasal
Gedicht Nr. 6 für den #frapalymo, und der impuls lautete „was alles in eine konservendose passt“
Etwas Milch
Der Gedanke an Herbst
trübt die Tasse
Etwas Milch vielleicht
warm und weiß
und bläschenzart
brächte
– in kleinen Schlucken getrunken –
etwas Licht
ins Dunkel
© Sargantanasal
Gedicht 4 zum #frapalymo impuls in die luft des herbstes mischt sich zärtlich wolle und milch.“ Dank an karl aka @chrischa68 für diesen Tweet-Impuls!
Überschätzt
Er kann kein Wässerchen trüben
denkt die Ehefrau
Ihm kann ich alles sagen
denkt die Tochter
Einer der letzten Ritter
denkt die Geliebte
Ich hab alles im Griff
denkt der Geheimniskrämer
Die Batterie ist gleich leer
denkt der Nebelscheinwerfer
© Sargantanasal
Gedicht 3 zum #frapalymo, Doppelimpuls (2): Heimlich
Heimlichkeiten
Im letzten Winkel des Kleiderschranks
unter den Fußballsocken
spielen angeschlagene Schokotaler Mühle
Die Zigarette spielt Lesezeichen im Gesangbuch
Der Flachmann spielt Verstecken
mit dem Piece
Im letzten Winkel des Kleiderschranks
haben die Dinge Spaß
während
auf der anderen Seite der Wand
unter Schießer Feinripp
die Schmuddelhefte
um die Wette gähnen
© Sargantanasal
inspiriert vom #frapalymo Impuls 3
Das Puzzle mischen
Huschende Ratte
Vollgefressene Motte
Einbeiniges Männlein
Blankpoliertes Stethoskop
Zersplitterte Uhr
Abgebrochener Zahn
Leckgeschlagenes Schiff
Umgekipptes Metronom
Zerbeulte Nikolausmaske
Schlafendes Pferd
Blutendes Herz
Abgebranntes Haus
Offener Leichenwagen
Gespreizte Spinnenfinger
Gepiercte Zungenspitze
Nur die kahlen Augen
aussortieren
die erkenne ich wieder
© Sargantanasal
#frapalymo 2. November 2016, Doppelimpuls (1): Unheimlich
Weit weg, so nah
Warum ist alles so weit weg?
Gestern vor 20 Jahren
war heute so weit weg
warum lebt man so lange
frage ich mich jetzt
einfach wegfliegen
das ist mein Traum
dann wäre die Welt weit weg
Fensterplatz
wie damals
da flog ich einmal nachts
da war der Mond gar nicht mehr weit weg
der Mond flog mit
direkt neben mir
mit mir
zum Totlachen nah
und es stimmt, was sie sagen
der Mond hat wirklich
ein richtiges Gesicht
(Zeile 1 aus „Findet mich das Glück?“, Peter Fischli, David Weiss, Verlag der Buchhandlung Walther König)
Gedicht 1 zum #frapalymo November 2016. Impuls: die ersten wörter sind eure ersten wörter“. wählt aus einem buch eurer wahl (lyrik ebenso wie prosa) die erste seite und nutzt exakt dieselben ersten wörter als einstieg in euer gedicht
Ich habe gestern mit geschlossenen Augen obiges Büchlein aus dem Regal gefischt. Der erste Satz „Warum ist alles so weit weg?“ überraschte mich nicht, ich glaube nicht an Zufälle. Diese Frage habe ich erst gestern gehört. Frau H. hat sie gestellt und sich dann Gedanken zum Fliegen und zum Mond gemacht. Frau H. ist eine demente Dame, 88 Jahre, die ich seit Juli betreue und aktiviere, mit der ich viel Biografiearbeit mache. Meistens notiere ich ihre Gedanken ungefiltert, so wie sie kommen. Auch gestern. Mit ihrer Erlaubnis entstand nun dieses erste kleine Gedicht. Wenn es passt, möchte ich gern weitere Impulse dazu nutzen, die Gedanken von Frau H. zu verdichten. Sie sind so wundervoll und sagen so viel.
Die anderen Gedichte könnte ihr nachlesen unter:
http://paulchenbloggt.de/2016/11/01/frapalymo-1nov16-anfang/
Über die Decke aus Glas
läuft ein Mädchen so blass
läuft ein Mädchen so dünn
wie das Eis auf dem See
Unter dem Eis auf dem See
liegt ein Mädchen so dünn
liegt ein Mädchen so blass
in dem Sarg hinter Glas
© Sargantanasal
Gedicht no. 9 für den #frapalymo, und der impuls lautete „ein text, zwei strophen, vier wörter: glas, dünn, blass, see. sie sollen in beiden strophen je einmal vorkommen.“