88

Ihr Lächeln
wenn sie erzählt
ihre Immerwieder-Geschichte
vom roten Faltenrock
mit den ganz kleinen Falten
die so schön hochschwebten
wenn sie sich drehte
wenn ihre Hände
den Schwung nachzeichnen
immer wieder
dann ist es fassbar
das lebendige junge Mädchen
das sie insgeheim
immer noch ist

© Sargantanasal

Frau H. gewidmet ist das Gedicht Nr. 14 zum #frapalymo nach dem  impuls „fassbar“ –
Teil 2 des Doppelimpulses „unfassbar-fassbar“.

Weit weg, so nah

Warum ist alles so weit weg?
Gestern vor 20 Jahren
war heute so weit weg
warum lebt man so lange
frage ich mich jetzt
einfach wegfliegen
das ist mein Traum
dann wäre die Welt weit weg
Fensterplatz
wie damals
da flog ich einmal nachts
da war der Mond gar nicht mehr weit weg
der Mond flog mit
direkt neben mir
mit mir
zum Totlachen nah
und es stimmt, was sie sagen
der Mond hat wirklich
ein richtiges Gesicht

(Zeile 1 aus „Findet mich das Glück?“, Peter Fischli, David Weiss, Verlag der Buchhandlung Walther König)
Gedicht 1 zum #frapalymo November 2016. Impuls: die ersten wörter sind eure ersten wörter“. wählt aus einem buch eurer wahl (lyrik ebenso wie prosa) die erste seite und nutzt exakt dieselben ersten wörter als einstieg in euer gedicht

Ich habe gestern mit geschlossenen Augen obiges Büchlein aus dem Regal gefischt. Der erste Satz „Warum ist alles so weit weg?“ überraschte mich nicht,  ich glaube nicht an Zufälle. Diese Frage habe ich erst gestern gehört. Frau H. hat sie gestellt und sich dann Gedanken zum Fliegen und zum Mond gemacht. Frau H. ist eine demente Dame, 88 Jahre,  die ich seit Juli betreue und aktiviere, mit der ich viel Biografiearbeit mache. Meistens notiere ich ihre Gedanken ungefiltert, so wie sie kommen. Auch gestern. Mit ihrer Erlaubnis entstand nun dieses erste kleine Gedicht. Wenn es passt, möchte ich gern weitere Impulse dazu nutzen, die Gedanken von Frau H. zu verdichten. Sie sind so wundervoll und sagen so viel.
Die anderen Gedichte könnte ihr nachlesen unter:
http://paulchenbloggt.de/2016/11/01/frapalymo-1nov16-anfang/

Bohnenzeit

20160822_145224In meiner Erinnerung leuchtete heute ein August-Moment aus der Kindheit.

Wenn der Sommer heiß war, und in meiner Erinnerung war jeder Kindheitssommer heiß, pfiff Opa schon Ende August zur Bohnenernte. Eine ernste Sache, denn Bohnen kann man beim Pflücken nicht naschen wie Erdbeeren. Bohnen sind Hülsenfrüchte, höre ich meine Großmutter sagen. Die darf man auf keinen Fall roh essen!
Ich sehe mich mit meinem Opa im kleinen Hof auf der Gartenbank hocken, einträchtig pinnen wir die grünen Bohnen, die wir zuvor gemeinsam geerntet haben. Bohne für Bohne bedächtig von Strünken befreien, nur nicht zu viel abschneiden, die weiße Emaille-Schüssel mit dem abgewetzten Rand zwischen den Knien, wir arbeiten schweigend und oben in der Küche setzen die Frauen mit Geschepper den riesigen hellroten Kessel auf den Herd. Ich höre ihre Geplapper, das Klirren der Weckgläser, die sie spülen, ich nehme den Geruch der roten Weckringe wahr (wahrscheinlich fehlen wieder genau die, die wir Kinder uns für unsere Rollschuhe stibitzt haben).
Opa und ich arbeiten gemächlich und still am eisernen Gartentisch, den er selbst geschmiedet hat. Er benutzt das scharfe Schälmesser, ich das stumpfe mit dem Perlmuttgriff. Manchmal schauen wir uns an, seine blanken braunen Augen blitzen, ich sehe seinen Stolz und seine Vorfreude auf seinen geliebten Bohnensalat im Winter, zu Gulasch oder Sauerbraten. Ich freue mich auf den Eintopf, mit Kartoffeln, und Möhren, die den Winter über in einem Tontopf, den Opa vor der Garage eingegegraben hat, frisch bleiben. Irgendwann bringt Oma dann einen Kaffee für Opa hinaus und für mich ein Butterbrot mit Rübenkraut.
Dann arbeiten wir weiter, bis meine kleinen Finger ganz müde sind.
Und abends dann ist das ganze Haus vom Duft der eingeweckten Bohnen erfüllt.
Ein Duft, den ich nicht zu beschreiben vermag. Irgendwie erdig, und ein bisschen
säuerlich vielleicht.

Das duftet wie Ende August, denke ich jetzt, wenn ich in meine Küche gehe.
Ich habe ich mir heute frische Bohnen gekauft und einen Eintopf gemacht.
Mit Kartoffeln, Möhren, Rauchendchen. Eine Köstlichkeit, mit glatter Petersilie veredelt.
Beim Essen war ich dann wieder für einen Moment im Hof der Kindheit. Ein leuchtender Moment.
© Sargantanasal

Freundin

Freundin

Dein Blick
ist in all den Jahren
noch wissender geworden
wie du mich anschaust
jetzt
so still und ernst
weiß ich doch
gleich werden wir lachen
schallend laut
was schert uns unser schütteres Haar
die Erinnerungen darunter
sind darüber erhaben

7.11.2015 © sargantanasal.com

Meine Assoziation zum  #frapalymo 7nov15 von Frau Paulchen, und der impuls lautete „lasst euch von guido renis barockporträt einer alten frau zu einem text inspirieren“. Das Gedicht widme ich meiner Herzensfreundin M., die ich in der alten Frau wiedererkannt habe.