Bohnenzeit

20160822_145224In meiner Erinnerung leuchtete heute ein August-Moment aus der Kindheit.

Wenn der Sommer heiß war, und in meiner Erinnerung war jeder Kindheitssommer heiß, pfiff Opa schon Ende August zur Bohnenernte. Eine ernste Sache, denn Bohnen kann man beim Pflücken nicht naschen wie Erdbeeren. Bohnen sind Hülsenfrüchte, höre ich meine Großmutter sagen. Die darf man auf keinen Fall roh essen!
Ich sehe mich mit meinem Opa im kleinen Hof auf der Gartenbank hocken, einträchtig pinnen wir die grünen Bohnen, die wir zuvor gemeinsam geerntet haben. Bohne für Bohne bedächtig von Strünken befreien, nur nicht zu viel abschneiden, die weiße Emaille-Schüssel mit dem abgewetzten Rand zwischen den Knien, wir arbeiten schweigend und oben in der Küche setzen die Frauen mit Geschepper den riesigen hellroten Kessel auf den Herd. Ich höre ihre Geplapper, das Klirren der Weckgläser, die sie spülen, ich nehme den Geruch der roten Weckringe wahr (wahrscheinlich fehlen wieder genau die, die wir Kinder uns für unsere Rollschuhe stibitzt haben).
Opa und ich arbeiten gemächlich und still am eisernen Gartentisch, den er selbst geschmiedet hat. Er benutzt das scharfe Schälmesser, ich das stumpfe mit dem Perlmuttgriff. Manchmal schauen wir uns an, seine blanken braunen Augen blitzen, ich sehe seinen Stolz und seine Vorfreude auf seinen geliebten Bohnensalat im Winter, zu Gulasch oder Sauerbraten. Ich freue mich auf den Eintopf, mit Kartoffeln, und Möhren, die den Winter über in einem Tontopf, den Opa vor der Garage eingegegraben hat, frisch bleiben. Irgendwann bringt Oma dann einen Kaffee für Opa hinaus und für mich ein Butterbrot mit Rübenkraut.
Dann arbeiten wir weiter, bis meine kleinen Finger ganz müde sind.
Und abends dann ist das ganze Haus vom Duft der eingeweckten Bohnen erfüllt.
Ein Duft, den ich nicht zu beschreiben vermag. Irgendwie erdig, und ein bisschen
säuerlich vielleicht.

Das duftet wie Ende August, denke ich jetzt, wenn ich in meine Küche gehe.
Ich habe ich mir heute frische Bohnen gekauft und einen Eintopf gemacht.
Mit Kartoffeln, Möhren, Rauchendchen. Eine Köstlichkeit, mit glatter Petersilie veredelt.
Beim Essen war ich dann wieder für einen Moment im Hof der Kindheit. Ein leuchtender Moment.
© Sargantanasal

Entwurzelt

Es gibt keine Bücher
da wo du wohnst
baumeln Heilbutte
an der Lampe
über der Schnapsflasche
auf dem wackligen Tisch
da kommst du nicht dran
obwohl du Hunger hast
schweigst du
wie dein Vater und deine Mutter schweigen
es wird nicht viel geredet
da wo du wohnst
redet nur die dänische Lehrerin
die erzählt
wie andere Kinder leben
in der fremden Welt
hinter den Gletschern
da wo du wohnst
ist die Wärme
nur in den Schmelzwasserseen
manchmal kannst du sie fühlen
wenn du bei den Schlittenhunden sitzt
und träumst
von Eisenbahnen
auf dem Nomadeneis

2015 © sargantanasal.com

Gedicht 17 für den #frapalymo, und der impuls lautete „Grönland“