Moment, ewig

 

Deine eingebettete Stummheit
täuscht
Unter dem Laken ruht
ein ganzes Leben
Ich lege mein Ohr an deine Brust
lausche in dich hinein
lerne deine Melodie
ich singe dich ganz sacht
an deine Anfänge
bis deine Augen einstimmen

© Sargantanasal

Mein Gedicht Nr. 20 zum #frapalymo beschreibt einen mir kostbaren Moment bei der Arbeit mit demenzkranken Menschen, die nicht mehr sprechen können. Der impuls lautete: „wenn der körper eine stummheit ist“ – mit dank an @frauhasenherz für dieses kleinod!“ Wirklich wunderbar, dieses Kleinod, da stimme ich zu.

Weit weg, so nah

Warum ist alles so weit weg?
Gestern vor 20 Jahren
war heute so weit weg
warum lebt man so lange
frage ich mich jetzt
einfach wegfliegen
das ist mein Traum
dann wäre die Welt weit weg
Fensterplatz
wie damals
da flog ich einmal nachts
da war der Mond gar nicht mehr weit weg
der Mond flog mit
direkt neben mir
mit mir
zum Totlachen nah
und es stimmt, was sie sagen
der Mond hat wirklich
ein richtiges Gesicht

(Zeile 1 aus „Findet mich das Glück?“, Peter Fischli, David Weiss, Verlag der Buchhandlung Walther König)
Gedicht 1 zum #frapalymo November 2016. Impuls: die ersten wörter sind eure ersten wörter“. wählt aus einem buch eurer wahl (lyrik ebenso wie prosa) die erste seite und nutzt exakt dieselben ersten wörter als einstieg in euer gedicht

Ich habe gestern mit geschlossenen Augen obiges Büchlein aus dem Regal gefischt. Der erste Satz „Warum ist alles so weit weg?“ überraschte mich nicht,  ich glaube nicht an Zufälle. Diese Frage habe ich erst gestern gehört. Frau H. hat sie gestellt und sich dann Gedanken zum Fliegen und zum Mond gemacht. Frau H. ist eine demente Dame, 88 Jahre,  die ich seit Juli betreue und aktiviere, mit der ich viel Biografiearbeit mache. Meistens notiere ich ihre Gedanken ungefiltert, so wie sie kommen. Auch gestern. Mit ihrer Erlaubnis entstand nun dieses erste kleine Gedicht. Wenn es passt, möchte ich gern weitere Impulse dazu nutzen, die Gedanken von Frau H. zu verdichten. Sie sind so wundervoll und sagen so viel.
Die anderen Gedichte könnte ihr nachlesen unter:
http://paulchenbloggt.de/2016/11/01/frapalymo-1nov16-anfang/

Nur du!

Sie reden für dich
schneiden dich ab
von der Kommunikation
weil dieses eine Areal
in deinem Gehirn
abgeschnitten ist
von der Blutversorgung
schneiden sie dich ab
vom Erleben

Vielleicht
wenn du lachst
lachst du sie aus
weil nur du weißt
wie schön es kribbelt
wenn es in dir wimmelt
von Schnipseln
eigenständig
wundervoll
bunt
tonnenweise
Konfetti

© sargantanasal

nachgereichte Gedanken zum #frapalymo Impuls vom 24Mai16: „Abgeschnitten“

Stufe 5

Zurückgezogen
in ihrem Zimmer
weiß sie nicht mehr
wo sie wohnt
starrt aus dem Fenster
kratzt an den Flecken 
ihres immer gleichen Sweatshirts
ringt um Worte
bis ich dieses alte Schlaflied anstimme
sie liebte es als Kind
dann singt sie
Ton für Ton
Wort für Wort
in flüssigem Französisch

2015 © sargantanasal.com

Zweites Gedicht für #frapalymo im November 2015. Teil 1 vom Doppelimpuls „Flüssig“ via via http://paulchenbloggt.de/

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