Staubmalerei

Sie betrachtete ihren rechten Zeigefinger. Er war graphitfarben wie die Spitze eines Queues. Sie hatte Herzen auf die Kommode gemalt, kleine und große, kleine in großen, sie verschmolzen miteinander. Sie hätte nicht gedacht, dass auf der Oberfläche so viel Platz für Herzen war. Es ging wieder los. Meistens ging es samstags los, um die Mittagszeit. Die über ihr warfen ihre Maschine an. Sie konnte genau den Arbeitsweg verfolgen. Vom Schlafzimmer auf den Flur, vom Flur ins Bad, der Ton wurde hohl, sie hörte die Bürste gegen die Heizungsrohre knallen, dann röhrte es weiter ins Wohnzimmer, keine Ecke wurde ausgelassen, sie fragte sich, wer es wohl tat. Sie oder er? Sie tippte auf die Frau, weil sie sich den schwergewichtigen Ehemann nicht dabei vorstellen mochte. Sie wusste nicht, ob die Frau wieder ihre Stöckelschuhe trug, der Sound der Maschine war übermächtig. Dann wurde es leiser. Irgendwo in dieser Wohnung musste also ein Teppich liegen. Ob sie auch in die Regale ging? Oder benutzte sie dafür einen „Swiffer“? Ihrer lag seit Monaten in ihrer Medizinschublade. Sie benutzte ihn nie, aber jeden Tag, wenn sie ihre Tabletten herausholte, fühlte sie sich ermahnt, ihn wenigstens aus der Verpackung zu nehmen. Eines Tages, dachte sie immer. Aber die Zeit war noch reif.
Sie brauchte Platz zum Malen. Das Paisley-Muster auf dem Rand der Badewanne passte zum Dekor des Duschvorhangs. Die kleinen Striche hatte sie mit einem Essstäbchen gezogen. Wolken in allen Formen zierten die Bilderrahmen. Das Bett war mit Xen umrahmt, große Lettern, es sah ein bisschen aus wie Stacheldraht. Oder
wie der Hexenstich, den sie im Handarbeitsunterricht so gern genäht hatte. Am Küchenfenster erhob sich ein Elefant aus den Schlieren. Besonders stolz war sie auf die Armada aus unterschiedlich großen weißen Kreisen, die sie durch das geschickte Platzieren von Muscheln auf der Fensterbank im Schlafzimmer erzeugt hatte. Eben hatte sie die Muscheln eingesammelt. Sie haben Narben hinterlassen, dachte sie. Fensterbanknarben. Das Wort gefiel ihr.
Auf den Türen ihres Kleiderschrank entstand gerade eine Alpenlandschaft. Die Sonne fehlte noch. Sonnen lagen ihr nicht so.
Dann war es plötzlich still über ihr. Die Maschine wurde rumpelnd in die linke Ecke des Schlafzimmers gerollt.
Staubsauger sind die Rasenmäher der kleinen Leute, dachte sie und zog sich mit dem rechten Zeigefinger einen Balken quer über die Stirn.

(erstmals veröffentlicht 2011 im Blog „Die Textuellen“, den es nicht mehr gibt)

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