Omas roter Heringssalat

Weihnachten habe ich von ihm geträumt. Ich hatte plötzlich seinen süß-sauren Geschmack auf der Zunge, den Duft von Nelkenpfeffer in der Nase und die Erinnerung an Silvester im Herzen. In Kindertagen war Omas Heringssalat der Höhepunkt nach Weihnachten, das rituelle Mahl am letzten Abend des Jahres. Nach altem Familienrezept aus Bochum, der Heimatstadt meiner Großeltern mütterlicherseits, bevor sie ausgebombt in Ostwestfalen landeten.

Opa, der Handwerker, band einmal im Jahr freiwillig die Küchenschürze um.  Er war für die Heringe zuständig! Die verkaufte der Dorfladen zwischen den Jahren aus einem Holzfass. Opa holte immer mindestens sechs ganze Fische, die er im Keller über Nacht wässerte. Ich sehe ihn vor mir, wie er breitbeinig an der Spüle in der kleinen Küche stand, das Schälmesser mit dem Perlmuttgriff sicher in der Hand. Wie er die Fische köpfte, ihnen den Schwanz abschnitt, sie entgrätete und von Schuppen befreite. Er tat das bedächtig und schweigend, aber immer mit leuchtenden Augen. Ich vermute, aus reiner Vorfreude. Opa aß gern! Das ganze Waschbecken glänzte silbern, wenn er fertig war und die Schuppen mit altem Zeitungspapier einsammelte und die Klumpen in den Mülleimer warf. Ich hockte die ganze Zeit auf dem Kühlschrank und sah ihm gebannt bei der Arbeit zu, während Oma am Küchentisch schnippelte. Zuerst die Gewürzgurken, von ihr selbst eingeweckt, in einer Essiglake aus Senfkörnern, Zwiebeln und Dill. Dann hackte sie Zwiebeln klein. Und mindestens zwei Äpfel. „Boskop!“ höre ich sie heute noch sagen. „Schön säuerlich, das gibt den besonderen Geschmack.” Dann kam die rote Beete an die Reihe. Wenn sie damit fertig war, sahen ihre Hände irgendwie gefährlich aus. Dunkelrot gefärbt, die Farbe hielt sich hartnäckig bis ins neue Jahr, auch wenn sie ihr mit einer Zitronensaft getränkten Nagelbürste zu Leibe zu rücken versuchte. Wenn ich lange genug bettelte, durfte ich die erkalteten gekochten Eier pellen und dann dabei zusehen, wie Opa mit kräftigem Ruck den Eierschneider runterdrückte. Alle Zutaten landeten schließlich in einer riesigen Steinschüssel und wurden mit Essig, Nelken, Salz und Pfeffer sowie einer Prise Kardamom gewürzt. Das i-Tüpfelchen war die Mayonnaise aus zwei Eigelb und Sonnenblumenöl (das gute Livio). Ich durfte den Messbecher festhalten, während Oma Öl zu den Eiern goss und gleichzeitig mit einer Gabel auf die Masse eindrosch, bis sie wie durch ein Wunder steif und hell wurde – echte Hausmacher-Mayonnaise halt! In guten Jahren kamen noch Rindfleischstückchen dazu, kein Muss, Omas Heringssalat schmeckte auch ohne ganz vorzüglich. Wir aßen ihn zu gebuttertem Toast, die Großen tranken dazu Schaumwein, wir Kinder Pfefferminztee. Am liebsten vertilgten wir die gut durchgezogenen Reste am Neujahrsmorgen. Wenn es noch Reste gab…

Nachher werde ich zum Markt gehen und Matjesfilets kaufen. Rote Beete, saure Gurken, Zwiebeln, Boskop-Äpfel. Dann werde ich zwei Eier kochen und losschnippeln. Ob ich die Mayonnaise so gut hinkriege wie Oma damals, weiß ich noch nicht. Aber eines ist gewiss: Ich werde an meine Großeltern denken und dabei lächeln.

3 thoughts on “Omas roter Heringssalat

  1. Ich schließe mich Eva an: Lecker! Den gabs bei uns früher immer am Heiligabend. Und Schnittchen dazu. Das festliche Weihnachtsessen dann am ersten oder zweiten Feiertag. Meine Schwester macht den roten Heringssalat noch heute an Heiligabend. Nach unserem Familienrezept kommen noch ein paar gehackte Walnüsse rein.
    Viel Spaß beim Einkaufen, Zubereiten und guten Appetit!

    Noch etwas anderes: Du verlinkst in deiner Blogroll auf meine WordPressseite, die ich aber gar nicht betreibe, sondern nur angelegt habe, um auf WordPressblogs kommentieren zu können. Ich bin ja bei Blogger, hier meine URL zum Verlinken: http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de

    Gefällt 1 Person

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