Freifahrt

Ich habe eine Freifahrt
für die Achterbahn
die fährt heut andersrum
los komm, wir steigen zu
und gewöhnen uns das Fürchten ab

Im freien Fall
rutschen uns die Herzen 
aus der Hose
wieder an den rechten Fleck

schreien wir uns den ganzen Tod
aus der Seele

kotzen wir alles aus
was uns vergiftet

Was uns dann noch im Halse steckt
ist bestenfalls
ein Lied

© 2015 sargantanasal.wordpress.com

Kleiner Januar-Blues

Raketengerippe und Böllerbrei
liegen trostlos und grau in den Gossen.
Die Menschen gehen achtlos vorbei
und schauen ganz verdrossen,
als wäre es völlig einerlei,
was sie Tage zuvor
mit wildem Geschrei
und für viel Geld
verschossen.

© 2015 sargantanasal.wordpress.com

Sie war so vornehm

Sie war so vornehm

Sie lachte nie
Die Eierschalfarben
ihrer Twinsets
in Harmonie
zum Nerzjäckchen
das sie bei Tisch
über ihre Schultern legte
es zitterte nie
auch wenn sie fröstelte
so elegant hantierte sie
mit Messer und Gabel
aus Tafelsilber in Jugendstil

Sie spielte nie
Der Kopf!
wussten die Kinder
Wenn sie zur Mittagsruhe entschwand
in die Beletage
mussten sie still sein
so still
dass sie ihr Weinen hören konnten
unter dem Plumeau
jeden Mittwoch um 13.30 Uhr
wenn der Gärtner
den Borgward startete
für seinen Chef
den Arzt
auf dass er zu seiner Geliebten fahren konnte
eine Verkäuferin aus dem Nachbardorf

veröffentlicht am 26.11.2014
#frapalymo Impuls no. 26: Was vornehm ist

 

In leeren Händen genug finden

Deine warme Kinderhand
in meiner
schwebten wir ins Trostland
in diesen ersten Nächten
als wir alles verloren hatten

veröffentlicht am 25.11.14 bei #frapalymo

„in leeren händen genug finden“ lautete der Impuls, diesmal  aus der twitter-tl von  sophie paulchen  @himbeerbrise!

Der erste Sonntag…

Aufgestanden
mit Sonne in der Linde
Yoga gemacht
mit Musik von der Insel
geduscht
mit Seife von der Insel
da kehrten die Worte zurück
von blauen Stunden
auf der Insel
sie werden gesehen
wir werden gesehen
wir werden uns sehen

Foto554

Wunder geschehen

© 2015 sargantanasal.wordpress.com

In diesen blauen Minuten…

In diesen blauen Minuten
wenn die Nacht noch Lampenfieber hat
bevor die obere Stadt
ihre Lichter anknipst
und die Tore öffnet
wenn die Sprache entgrenzt ist
unter den weißen Markisen
kritzle ich alte Worte
auf weiße Servietten
und lasse sie fliegen
in die neue Zeit


Veröffentlicht von @FrauFrog am 30.11.2014 auf paulchenbloggt.de
#frapalymo  no. 30, der impuls lautete: „die blauen stunden auf den terrassen kosmopolitischer cafés“.

By the way: this is a tribute to Ibiza

Rübernehmen

Ich nehme
mich
rüber ins neue Jahr
mit Fasern von Mangos
zwischen den Zähnen
flachen Steinen
in den Taschen
neu gewachsenen Muskeln
unter der Haut
Dich, dich, dich, dich und dich und sie und ihn
im Herzen
und eine Kuh auf dem See
in immer anderen Sonnenuntergängen.
Im Rückspiegel
Blindgänger
und ein Gebäude
das gerade einstürzt

Staubmalerei

Sie betrachtete ihren rechten Zeigefinger. Er war graphitfarben wie die Spitze eines Queues. Sie hatte Herzen auf die Kommode gemalt, kleine und große, kleine in großen, sie verschmolzen miteinander. Sie hätte nicht gedacht, dass auf der Oberfläche so viel Platz für Herzen war. Es ging wieder los. Meistens ging es samstags los, um die Mittagszeit. Die über ihr warfen ihre Maschine an. Sie konnte genau den Arbeitsweg verfolgen. Vom Schlafzimmer auf den Flur, vom Flur ins Bad, der Ton wurde hohl, sie hörte die Bürste gegen die Heizungsrohre knallen, dann röhrte es weiter ins Wohnzimmer, keine Ecke wurde ausgelassen, sie fragte sich, wer es wohl tat. Sie oder er? Sie tippte auf die Frau, weil sie sich den schwergewichtigen Ehemann nicht dabei vorstellen mochte. Sie wusste nicht, ob die Frau wieder ihre Stöckelschuhe trug, der Sound der Maschine war übermächtig. Dann wurde es leiser. Irgendwo in dieser Wohnung musste also ein Teppich liegen. Ob sie auch in die Regale ging? Oder benutzte sie dafür einen „Swiffer“? Ihrer lag seit Monaten in ihrer Medizinschublade. Sie benutzte ihn nie, aber jeden Tag, wenn sie ihre Tabletten herausholte, fühlte sie sich ermahnt, ihn wenigstens aus der Verpackung zu nehmen. Eines Tages, dachte sie immer. Aber die Zeit war noch reif.
Sie brauchte Platz zum Malen. Das Paisley-Muster auf dem Rand der Badewanne passte zum Dekor des Duschvorhangs. Die kleinen Striche hatte sie mit einem Essstäbchen gezogen. Wolken in allen Formen zierten die Bilderrahmen. Das Bett war mit Xen umrahmt, große Lettern, es sah ein bisschen aus wie Stacheldraht. Oder
wie der Hexenstich, den sie im Handarbeitsunterricht so gern genäht hatte. Am Küchenfenster erhob sich ein Elefant aus den Schlieren. Besonders stolz war sie auf die Armada aus unterschiedlich großen weißen Kreisen, die sie durch das geschickte Platzieren von Muscheln auf der Fensterbank im Schlafzimmer erzeugt hatte. Eben hatte sie die Muscheln eingesammelt. Sie haben Narben hinterlassen, dachte sie. Fensterbanknarben. Das Wort gefiel ihr.
Auf den Türen ihres Kleiderschrank entstand gerade eine Alpenlandschaft. Die Sonne fehlte noch. Sonnen lagen ihr nicht so.
Dann war es plötzlich still über ihr. Die Maschine wurde rumpelnd in die linke Ecke des Schlafzimmers gerollt.
Staubsauger sind die Rasenmäher der kleinen Leute, dachte sie und zog sich mit dem rechten Zeigefinger einen Balken quer über die Stirn.

(erstmals veröffentlicht 2011 im Blog „Die Textuellen“, den es nicht mehr gibt)

Omas roter Heringssalat

Weihnachten habe ich von ihm geträumt. Ich hatte plötzlich seinen süß-sauren Geschmack auf der Zunge, den Duft von Nelkenpfeffer in der Nase und die Erinnerung an Silvester im Herzen. In Kindertagen war Omas Heringssalat der Höhepunkt nach Weihnachten, das rituelle Mahl am letzten Abend des Jahres. Nach altem Familienrezept aus Bochum, der Heimatstadt meiner Großeltern mütterlicherseits, bevor sie ausgebombt in Ostwestfalen landeten.

Opa, der Handwerker, band einmal im Jahr freiwillig die Küchenschürze um.  Er war für die Heringe zuständig! Die verkaufte der Dorfladen zwischen den Jahren aus einem Holzfass. Opa holte immer mindestens sechs ganze Fische, die er im Keller über Nacht wässerte. Ich sehe ihn vor mir, wie er breitbeinig an der Spüle in der kleinen Küche stand, das Schälmesser mit dem Perlmuttgriff sicher in der Hand. Wie er die Fische köpfte, ihnen den Schwanz abschnitt, sie entgrätete und von Schuppen befreite. Er tat das bedächtig und schweigend, aber immer mit leuchtenden Augen. Ich vermute, aus reiner Vorfreude. Opa aß gern! Das ganze Waschbecken glänzte silbern, wenn er fertig war und die Schuppen mit altem Zeitungspapier einsammelte und die Klumpen in den Mülleimer warf. Ich hockte die ganze Zeit auf dem Kühlschrank und sah ihm gebannt bei der Arbeit zu, während Oma am Küchentisch schnippelte. Zuerst die Gewürzgurken, von ihr selbst eingeweckt, in einer Essiglake aus Senfkörnern, Zwiebeln und Dill. Dann hackte sie Zwiebeln klein. Und mindestens zwei Äpfel. „Boskop!“ höre ich sie heute noch sagen. „Schön säuerlich, das gibt den besonderen Geschmack.” Dann kam die rote Beete an die Reihe. Wenn sie damit fertig war, sahen ihre Hände irgendwie gefährlich aus. Dunkelrot gefärbt, die Farbe hielt sich hartnäckig bis ins neue Jahr, auch wenn sie ihr mit einer Zitronensaft getränkten Nagelbürste zu Leibe zu rücken versuchte. Wenn ich lange genug bettelte, durfte ich die erkalteten gekochten Eier pellen und dann dabei zusehen, wie Opa mit kräftigem Ruck den Eierschneider runterdrückte. Alle Zutaten landeten schließlich in einer riesigen Steinschüssel und wurden mit Essig, Nelken, Salz und Pfeffer sowie einer Prise Kardamom gewürzt. Das i-Tüpfelchen war die Mayonnaise aus zwei Eigelb und Sonnenblumenöl (das gute Livio). Ich durfte den Messbecher festhalten, während Oma Öl zu den Eiern goss und gleichzeitig mit einer Gabel auf die Masse eindrosch, bis sie wie durch ein Wunder steif und hell wurde – echte Hausmacher-Mayonnaise halt! In guten Jahren kamen noch Rindfleischstückchen dazu, kein Muss, Omas Heringssalat schmeckte auch ohne ganz vorzüglich. Wir aßen ihn zu gebuttertem Toast, die Großen tranken dazu Schaumwein, wir Kinder Pfefferminztee. Am liebsten vertilgten wir die gut durchgezogenen Reste am Neujahrsmorgen. Wenn es noch Reste gab…

Nachher werde ich zum Markt gehen und Matjesfilets kaufen. Rote Beete, saure Gurken, Zwiebeln, Boskop-Äpfel. Dann werde ich zwei Eier kochen und losschnippeln. Ob ich die Mayonnaise so gut hinkriege wie Oma damals, weiß ich noch nicht. Aber eines ist gewiss: Ich werde an meine Großeltern denken und dabei lächeln.

Meine Marmeladen

 

Ich koche Erdbeeren ein
mit Minze und Lindenblüten
fülle sie in ein Glas
und schreibe darauf
Heimat

Ich koche Mangos ein
mit Chili und Koriander
fülle sie in ein Glas
und schreibe darauf
Abenteuer

Ich koche Herzblut ein
mit Salz und Pfeffer
fülle es in ein Glas
und schreibe darauf
Liebe

Ich koche Worte ein
mit Lust und Leidenschaft
fülle sie in Gläser
und schreibe darauf
Freiheit

2014 ©  sargantanasal.com

Zur Feier des Tages (ich habe köstliche Marmelade gekocht) noch einmal nach oben gerückt: „Meine Marmeladen“, ursprünglich veröffentlicht am 19. November 2014 als #frapalymo no 19.
Impuls: „etikett(e/n)“

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